6. Jobstation: Tiermedizinische Fachangestellte in einer Praxis für Pferde

jpf-admin | 11.Mai 2017

Meine 6. Jobstation habe ich als tiermedizinische Fachangestellte bei meinen lieben Freunden Große Lembecks in Bochum-Langendreer verbracht. Sie betreiben eine sogenannte Fahrpraxis als Tierärzte für Pferde (http://www.grosselembeck.de/praxis/), d.h. meistens sind wir zu den Patienten gefahren. Einige werden aber natürlich auch in die Praxis gebracht bzw. stehen zur Beobachtung oder Behandlung vor Ort in entsprechenden Boxen.

Der erste Arbeitstag als tiermedizinische Fachangestellte

An meinem ersten Tag war ich gleich mittendrin im Geschehen: am Rande der Telefonsprechstunde lernte ich die anderen Tierärzte und tiermedizinischen Fachangestellten kennen. In der Sprechstunde werden Fragen der Pferdebesitzer geklärt, Termine vereinbart, Fahrten geplant, Fachgespräche geführt, schnell noch ein Kaffee getrunken und los geht’s auf die Tour.

Ich durfte bei der Chefin mitfahren. Zunächst standen allerdings zwei Magenspiegelungen (Gastroskopie in der Fachsprache) auf dem Programm. Der erste Patient wartete schon mit zwei Begleiterinnen und war sichtlich nervös. Die Behandlungen beim Pferd erfolgen sehr häufig unter Sedierung, so dass meine Angst, solch ein 600 kg schweres Vieh könne sich mal wehren wollen, eher unbegründet war. Bei der Magenspiegelung konnte ich einen guten ersten Eindruck vom Innern eines Pferdes gewinnen – und vom dafür notwendigen tierärztlichen Geschick beim Einführen sowie Steuern der Kamera!

Weitere Details erspare ich Euch an dieser Stelle, aber Ihr merkt schon, dass man in diesem Beruf anpacken können muss und eine gewisse Empfindsamkeit fehl am Platze ist. Nach den beiden Magenuntersuchungen sind wir im vollgepackten Tiermediziner-Auto zu einem Notfall gefahren; die beunruhigte Pferdebesitzerin vermutete eine Kolik bei ihrem Schützling. Da heißt es schnell sein!

Auf dem Hof angekommen stellte sich heraus, dass die Symptome irgendwie atypisch waren. Dennoch gab’s erst einmal einen Einlauf, damit sozusagen Platz geschaffen werden konnte. Später fand sich dann auch die Ursache: die Gebärmutter des Pferdes hatte sich stark entzündet und meine Chefin musste 30 l Eiter herausspülen. Da kann ich von Glück sagen, bereits im Feierabend gewesen zu sein!

An diesem ersten Tag haben wir noch Zähne geraspelt. Das muss bei Pferden, die Kraftfutter und Heu bekommen, regelmäßig gemacht werden – und ist eine sehr anstrengende Prozedur für beide Seiten (Tierarzt und Pferd). Da durfte ich zum ersten Mal ein wenig Mut beweisen: Um die Notwendigkeit des Zähneraspelns fühlen zu können, bin ich mit meiner (natürlich behandschuhten) Hand ins durch eine Maulsperre geöffnete Pferdemaul gegangen. Und tatsächlich: Die Zähne sind sehr scharfkantig!

Geschichten über Pferde und ihre Besitzer

Was mir gar nicht bewusst war, ist die wirklich große Sensibilität eines Pferdes. Sicherlich hängt diese nicht zuletzt mit der nur bedingt artgerechten Haltung durch uns Menschen zusammen. Tier und Mensch haben in der Regel eine wirklich enge und besondere Beziehung. Die Pferdebesitzer würden auf jeden Fall sehr, sehr viel für ihre Schätzchen tun.

Das wurde auch beim gemeinsamen Mittagessen mit der ganzen Familie deutlich, denn am Tisch finden sich neben den jetzigen Praxisinhabern ebenfalls die ehemaligen wieder. Hier werden Anekdoten zum Besten gegeben, besondere Vorkommnisse beratschlagt, usw.; früher völlig normal, heute eine Besonderheit – und ein Riesen-Vorteil in Sachen Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch über Generationen hinweg.

An meinem zweiten und dritten Arbeitstag hatten wir wieder ganz unterschiedliche Patienten: ein Pferd hatte gerade eine Operation hinter sich und musste nach versorgt werden, ein anderes hustete, wieder ein anderes lahmte, ein Pony sollte bald gebären, das Nachbarpferd erhielt eine Impfung, zwei Pferde litten unter Augenentzündungen und, und, und… es ist eine abwechslungsreiche Arbeit mit z.T. kniffligen Fragestellungen, aber auch einfachen Routineaufgaben. Der Job wird also nie langweilig und man merkte den Beteiligten – zumindest Ärzten und Pferdebesitzern – schnell an, mit wie viel Leidenschaft und Freude sie dabei sind.

Mein beeindruckendenstes Erlebnis war sicherlich der Kontrollbesuch bei einer Stute unmittelbar nach der Geburt ihres Fohlens. Der Besitzer war so stolz – völlig zu recht, wenn ich das als Laie sagen darf…;-)! Trotz dieses süßen und herzerwärmenden Anblicks des Nachwuchses hatte ich auch ganz schön Angst, das Muttertier während der Untersuchung zu halten. Genau das hat natürlich auch die Stute gemerkt, denn sie war sehr unruhig aus Sorge um ihr Fohlen. Ein Glück ist alles gut gegangen!

Den romantisch geprägten Blick auf den Beruf der tiermedizinischen Fachangestellten oder auch Tierärztin habe ich schon etwas verloren, denn es ist unbestritten ein Knochenjob, der körperliche Fitness und Kraft voraussetzt und wenig Raum für zuverlässige Planung und Arbeitszeiten lässt. Ein hohes Maß an Empathie für Mensch und Tier ist auf der einen Seite notwendig, auf der anderen Seite ist ein Zuviel an Zimperlich- und Empfindlichkeit aber auch hinderlich.

Ihr dürft gespannt sein, welche Kompetenzen, Interessen und Werte ich im Detail mit den Berufen im tiermedizinischen Bereich in Verbindung bringe – dazu erfahrt Ihr mehr im geplanten Buch „12 Jobs in einem Jahr“. Nur eins vorab schon mal: über meinen Poesiealbumeintrag „Tierärztin“nach dem Wunschberuf in meiner Kindheit gefragt kann ich heute nur lachen…:-)

Einen tollen Mai wünscht Euch

Gunda Ben Djemia-Böke