Gedankenwohnung: auch Gedanken brauchen ein Zuhause

jpf-admin | 20.März 2021
Gedankenwohnung

Dass Gedanken einen Wohnraum brauchen – auf diese Idee bin ich erst dank des kleinen Buches von Johannes Faupel, systemischer Therapeut, Fachjournalist, Texter und Autor, gekommen.

Wir ordnen, systematisieren und kategorisieren so vieles in unserem Leben. Warum dann nicht auch das Naheliegendste: unser Gedankenkarussell? Schließlich behindert es uns oft genug beim klaren, logischen Denken und daraus abgeleiteten Handlungen und Übertragungen in die Praxis.

Johannes Faupel hat dazu das Bild der Wohnung geschaffen, die wir ganz nach unseren Bedürfnissen, Interessen und Notwendigkeiten einrichten dürfen. Der Vorteil einer individuellen Einrichtung liegt auf der Hand: In einer von uns selbst erschaffenen Ordnung finden wir uns zurecht, halten uns nicht mit unnötigem Suchen auf und behalten das Wesentliche im Blick. Nicht von ungefähr kommt die These, dass ein aufgeräumtes Zuhause der Spiegel unserer Seele sei. Ausmisten führt zu Entlastung und Abwurf von Ballast. Marie Kondo – die „Aufräumexpertin“ aus Japan – steht z.B. für dieses Credo.

Der Anspruch, alles gleich geregelt haben zu wollen, kann jedoch genau zum Gegenteil führen: wir sind überfordert mit der geballten Ladung an (Gedanken-)Material. Insofern ist die Wohnungsgestaltung nach unseren eigenen Wünschen sehr heilsam. Wir brauchen auch Zwischenräume, die Unklarheit bzw. Aufschieben zulassen. Für viele sind das Kellerräume oder Dachzimmer. Nach dem Motto: aus dem Auge, aus dem Sinn.

Aber warum lassen sich Gegenstände i.d.R. leichter wegräumen als Gedanken? Weil die Orte, an die sie geräumt werden, physischer Natur sind? Folgen wir also dem Beispiel des Autors und bringen unsere Gedankenwohnung aufs Papier. Dann werden aus heimatlosen, umherirrenden Ideen und Problemen zugehörige, gut aufgehobene Einfälle, um die wir uns nach und nach kümmern können. Es kann u.a. einen Flur, Warte- oder Werkraum genauso wie eine Rumpelkammer, Galerie oder einen Festsaal geben. Wir verlieren keinen Gedanken, ob positiv oder negativ,  aus den Augen oder schließen ihn völlig weg. Er wird nur zwischengeparkt und darf zum rechten Zeitpunkt wieder in Erscheinung treten.

Warum ist der Zeitpunkt, wann wir uns einem bestimmten Gedanken widmen, so entscheidend?

Ein Beispiel: Bin ich emotional gerade sehr aufgewühlt, schränkt dieser Umstand meine Entscheidungs- und damit Handlungsfähigkeit massiv ein. Gehe ich in diesem Augenblick aber zunächst an die frische Luft (z.B. auf den Wohnungsbalkon), tanke dort Energie und gewinne Abstand, wird mein Fokus danach ein anderer, im besten Fall viel deutlicherer sein. Ich verschwende also keine Zeit damit, mich im Kreis zu drehen, weil ich den Gedanken nicht los werde, aber auch kein Gefühl dafür entwickeln kann, was ich jetzt tun kann. Sondern ich weise dem Gedanken „seinen“ Raum zu, in dem er gut aufgehoben ist – im großen Unterschied zum Verdrängen eines vielleicht unangenehmen Gedankens. Die Verdrängungstaktik schlägt nämlich meistens zurück, und zwar genau dann, wenn wir am wenigsten damit rechnen, so dass wir den „Rückschlag“ zu allem Überfluss dann nicht mal einordnen können. Wieder zu abstrakt? Auch hier hilft ein Beispiel:

Am Arbeitsplatz kritisiert die Vorgesetzte meinen Text. Ich reagiere völlig unangemessen, weil mein erster Gedanke im Unterbewusstsein mir einen Streich spielt: Ich fühle mich an eine Situation mit meiner Mutter erinnert, in der sie meinen Aufsatz für die Schule verreißt. Dass ich den Ansprüchen genügen möchte – ganz egal ob den eigenen oder denjenigen der Vorgesetzten bzw. Mutter, ist ein Gedanke, der mir erst im Nachhinein kommt. Hätte ich den Gedanken schon einmal vorher in meinem Kinderzimmer abgelegt und beleuchtet, hätte ich bestimmt wesentlich souveräner mit dieser Kritik bei der Arbeit umgehen können.

Dieses Beispiel zeigt, dass Gedanken uns immer mal wieder ein Schnippchen schlagen. Spielen wir mit ihnen und bauen uns eine Wohnung oder sogar ein ganzes Haus, wird unser Alltag im Umgang mit unserer Gedankenwelt vielleicht ein bisschen leichter. Einen Versuch ist es wert, oder?

Eine gedankenvollen Frühlingsanfang (mit oder ohne Frühjahrsputz 😉 ) wünscht Euch

Gunda

P.S.: Das Buch „Gedankenwohnung“ von Johannes Faupel, erschienen im Exponere-Verlag https://www.exponere.de/, kostet 14,80 EUR und ist im @daskarrierebuch erhältlich oder direkt beim Autor https://gedankenwohnung.de/kapitel/

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